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Home : Kultgetränk Kaffee

Kultgetränk Kaffee

Klein, stark, schwarz

Für den Wahrheitsgehalt einer mündlichen Überlieferung aus Abessinien, nach der im 7. Jahrhundert n. Chr. eine Ziege für die Entdeckung des Kaffees verantwortlich zeichnet, soll an dieser Stelle keine Verantwortung übernommen werden. Dennoch wollen wir im Folgenden nachvollziehen, wie das köstliche und legendäre Kultgetränk Kaffee aus Afrika über den Orient seinen Weg nach Europa fand.

Der Legende nach hatte der abessinische Hirte Kalid beobachtet, dass seine Ziegen regelmäßig nach dem Knabbern der roten Kirschen eines bestimmten Baumes erheblich lebhafter durchs Leben kletterten. Nach einem erfolgreichen Eigenversuch des Hirten konnte seine Beobachtung bestätigt werden: diese Früchte wirkten belebend.
Als gesichert gilt in der Tat, dass das Herkunftsland der Kultbohnen Äthiopien (das frühere Abessinien) ist. In den Wäldern und Bergen einer Provinz im Südwesten des Landes erforschen Botaniker die genaueren Wachstumsbedingungen der Pflanze: Hier wächst Kaffee auf einer Höhe zwischen 1.200 und 1.900 Metern noch immer wild in den Wäldern, während er andernorts nur mit Hilfe von Menschenhand gedeiht.
Seinen Siegeszug durch die Welt nahm der Kaffee(genuss) zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert von Äthiopien nach Saudi-Arabien und vermutlich über Mekka durch Pilger in die gesamte islamische Welt, im 16. Jahrhundert dann auch nach Europa. Hier entwickelte sich in Folge ein wahrer Kaffeehaus-Boom: In Venedig, London, Den Haag, Marseille, Paris, Hamburg und Wien wurden die ersten Häuser eröffnet und machten den traditionellen Schenken, übrigens auch dem Wein, heftige Konkurrenz. Dabei hatte jede Einrichtung eine eigene Stammkundschaft: Es gab literarische, künstlerische, journalistische und wissenschaftliche oder einfach aristokratische Zirkel.
Im Zuge solcher Nachfrage nach dem köstlich duftenden Getränk wurden weltweit neue klimatisch geeignete Anbauregionen für die Kaffeepflanze erschlossen und von den Kolonialmächten oftmals unter Einsatz brutaler Sklaverei forciert.
Die wichtigsten Arten der Kaffeepflanze sind die Coffea arabica, die aus Äthopien stammt und heute in den tropischen Ländern, hauptsächlich in Brasilien, angebaut wird, die Coffea liberica aus Westafrika, die nun auf Ceylon und Java kultiviert wird, wegen ihres weniger erlesenen Geschmacks aber seltener im Handel ist, und schließlich die Coffea canephora aus Uganda, die besser bekannt ist unter dem Namen Robusta und vornehmlich in Indonesien und Indien angepflanzt wird. Während die Arabica höhere Anbaulagen bevorzugt und etwas anspruchsvoller ist, kann die Robusta tropischem Klima und Parasitenbefall besser standhalten und gedeiht auch im Flachland hervorragend. Geschmacklich unterscheiden sich beide Sorten durch die sehr aromatischen, säurearmen und schokoladigen Noten der Arabica, die Robusta hingegen enthält weniger Bitterstoffe, aber mehr Säure und weniger Aroma.
Jedes Kaffee- Anbaugebiet verfügt über einen eigenständigen Charakter, der im Geschmack zum Ausdruck kommt und sich aus Klima, Höhe, Bodenbeschaffenheit, Lage, Kaffeepflanzenvarietäten und der Verarbeitung der Kaffeefrüchte ergibt (siehe Kasten).
Vergleichbar mit den jahrgangsbedingten Qualitätsunterschieden eines Weines sind auch Geschmack und Güte des Kaffees abhängig vom Erntejahrgang. Während man früher reinen „Plantagenkaffee“ kannte, wurden im Laufe der Zeit so genannte Blends modern. Diese Mischung verschiedener Kaffeesorten aus unterschiedlichen Lagen sollte im Idealfall dazu führen, dass – ähnlich einer Wein-Cuvée – erlesene Geschmackskompositionen entstehen. Qualitätsbewusste Kaffeeröstereien legen größten Wert auf diese feinsinnigen und sensorisch anspruchsvollen Kreationen, leider folgt die Zusammenstellung von Kaffee-Blends oftmals aber auch kommerziellen Überlegungen, wenn die Bohnen nach dem Kriterium des Preises ausgewählt werden.
Ein weiterer Schlüssel für die Qualität eines Kaffees liegt in seiner Verarbeitung: Die zahlreichen Aromastoffe der Kaffeebohnen entfalten sich erst durch das Rösten. Dabei spielen Dauer und Temperatur des Röstens eine entscheidende Rolle. Hier sind wiederum der Fachverstand und die Erfahrung des Röstmeisters gefragt.
Und schließlich nimmt natürlich die Art der Kaffeezubereitung Einfluss auf das Aroma: Zwischen dem berühmten türkischen Mokka und dem tiefschwarzen sizilianischen Espresso liegen unendlich viele Variationsmöglichkeiten, Zubereitungsarten und köstliche Rezepturen. So viele, dass sich – wiederum in Analogie zum Wein – ein neues Berufsbild ergeben hat: Während der Wein von einem Sommelier betreut wird, kümmert sich der Barista um die beste Kaffeezubereitung und benötigt ausgezeichnete Kenntnisse über hochwertige Kaffeespezialitäten, die mit einem industriellen Massenprodukt nichts gemein haben. •                
Claudia Schweikard

Herkunfts-Charakteristik von Kaffee-Anbaugebieten
Äthiopien: Bekannteste Sorte Harrar, dezentes Aroma bei zurückhaltender, eleganter Säure, schlank, Ursprungsland des Kaffees
Brasilien: Berühmteste Sorte Santos, voll und weich im Aroma, sehr mild bei geringer Säure
Costa Rica: Beste Lage Tarrazu, körperreich und voll, ausgeprägte Säure bei würzigem Aroma
Guatemala: Beste Lage Antigua, harmonisch, würzig-elegant mit dezenter Säure
Jamaika: Blue Mountain, sehr rar und teuer, bekannt für ein erlesenes Aroma und milde Säure
Kenia: Vollmundiger Körper bei prickelnder Säure
Kolumbien: Weich und mild, zurückhaltende Säure
Kuba: Bester Kaffee Turquino, angenehme, nicht zu kräftige Fülle, weniger Säure aufgrund der tieferen Lagen
Mexiko: Maragogype, mild-würzig und sehr aromatisch
Puerto Rico: Yauco Selecto, rar und teuer, kraftvoller Körper, fruchtig, gehaltvoll, wenig Bitterstoffe

Macht Kaffee klug?
Kaffee ist auch als Forschungsgegenstand beliebt. Und so wundert es nicht, dass es über den Kaffeegenuss auch Positives zu berichten gibt. Wer hätte gedacht, dass man mit dem Genuss einer Tasse Kaffee nicht nur der eigenen Müdigkeit einen Strich durch die Rechnung machen, sondern ganz nebenbei auch noch etwas für das eigene Denkvermögen tun kann? Eine Arbeitsgruppe der Medizinischen Universität Innsbruck konnte anhand eines Gedächtnisexperimentes nachweisen, dass Kaffeekonsum einen bemerkenswert positiven Einfluss auf das Kurzzeitgedächtnis ausübt. Im Verlauf des Experimentes wurden 15 Testpersonen mit einer sich ständig wiederholenden Abfolge der immer gleichen vier Bilder konfrontiert. Aufgabe war es, bei jedem neuen Bild möglichst rasch zu entscheiden, ob es sich dabei um dasselbe handle, das bereits zwei Bilder zuvor gezeigt wurde. Nach zwölf Stunden ohne Koffein-Einnahme erhielten einige der Probanden zwei Tassen Kaffee oder 100 mg Koffein, und das Experiment wurde fortgesetzt - mit dem Ergebnis, dass die derart gedopten Tester sowohl im Hinblick auf die Leistung des Kurzzeitgedächtnisses als auch durch eine erhöhte Reaktionszeit die eindeutig besseren Resultate erzielen konnten. Eine zusätzlich durchgeführte funktionelle Kernspintomographie zeigte bei denselben Probanden eine erhöhte Aktivität im für die Aufmerksamkeit zuständigen Teil des Vorderhirns. Der Öffentlichkeit vorgestellt wurden die Ergebnisse der Untersuchung auf dem Jahrestreffen der Radiology Society of North America (RSNA), Chicago.
Klaus W. Grundstein