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Home : Sonderthemen : Wein und Schokolade

Wein und Schokolade

Vom Tabu zum Traumpaar

Wein und Kakao sind beide seit Jahrtausenden geschätzte Kulturgüter der Menschheit. Eine geschmackliche Verbindung von Wein und Schokolade jedoch war lange ein „weißer Fleck“ auf der Genusslandkarte und wie zwei Königskinder, die, warum auch immer, nicht zueinander fanden.

Lag es daran, dass beide jeweils aus einer anderen Welt kamen? Das Wort „cacao“ – ursprünglich „kakawa“ ausgesprochen – stammt aus der Sprache der Olmeken, eines mittelamerikanischen Indianerstammes, der schon 1500 v. Chr. Kakaobäume züchtete. Hernando Cortez brachte nach der Eroberung des Aztekenreiches den ersten Kakao mit nach Europa. Von Spanien breitete er sich über Italien und Frankreich in ganz Europa aus. Dieses herbe Getränk, das Maya und Azteken aus gerösteten und gemahlenen Kakaobohnen mit Wasser, das sie zuweilen auch mit Pfeffer oder Chili würzten, schaumig rührten, mundete den eher auf „süß“ ausgerichteten Europäern zunächst überhaupt nicht. Für sie war es genau das, was sein aztekischer Name bedeutete: „xocoatl“ also „bitteres Wasser“ („xoco“ bedeutet bitter und „atl“ Wasser). Erst die Zugabe von Honig oder Zucker machte den Kakao für die Europäer zu einer erstrebens- und liebenswerten „exotischen Verlockung“ als elitäres Getränk der obersten Klassen. Aus dem aztekischen „xocoatl“ wurde mit der Zeit „Schokolade“, deren Herstellung anfänglich nur Königen und Fürsten vorbehalten war. Danach war Schokolade in Apotheken – wo sie nach streng gehüteten Rezepten komponiert wurde – nur teuer zu erstehen.
Heute ist die Schokolade – genau wie der Wein – für jedermann in vielerlei Formen und Geschmacksrichtungen als Allgemeingut erhältlich. Und was noch erstaunlich ist: Schokolade und Wein behaupten sich gegen den derzeitig rückläufigen Konjunkturtrend.

Verfeinerte Herstellungsverfahren

Zur Herstellung einer bestimmten Schokolade werden Kakaomassen abhängig vom gewünschten Schokoladetyp (z. B. Vollmilch oder Zartbitter) unter Zugabe von Milch, Zucker, Kakaobutter oder Sahne vermischt. Die zunächst noch trockene, pulverartige Kakaomischung wird beim „Conchieren“ flüssig. Erst nach Tagen des ununterbrochenen Drehens, Wendens, Lüftens und Temperierens in den „Conchen“ (Rühr- und Reibesysteme) ist die Masse so glatt, dass aus ihr feinste Schokolade gegossen werden kann. Eine lange „Conche“ – so heißt der Herstellungsprozess des „Schmelzigmachens“ der Schokolade – ist eines der wichtigsten Qualitätsmerkmale, ebenso wie die verwendeten Zutaten. „Schokolade mit Niveau“ präsentiert sich ohne billige Fremdfette (Palmöl, Kokosfett), die laut EU-Verordnung der Kakaobutter bis zu fünf Prozent zugegeben werden dürfen. Zucker sollte stets möglichst sparsam verwendet werden. Konservierungsmittel sind ohnehin verpönt. Wie für die meisten Lebensmittel ist für Kakao- und Schokoladenerzeugnisse das Mindesthaltbarkeitsdatum und das Zutatenverzeichnis auf der Verpackung anzugeben.

Schokoladenvielfalt

Ob dunkle, helle, Milch- oder weiße Schokolade in vielfältigen Variationen und Spezialitäten, jede hat ihre Liebhaber. Bitterschokolade enthält weder Zucker noch Aromen; der Kakaogehalt liegt über 85 Prozent. Sie wird als Koch- und Backschokolade vertrieben. Edelbitterschokoladen haben einen Kakaogehalt von mindestens 50 bis höchstens 85 Prozent, Zart- und Halbbitterschokolade enthält mindestens 50 Prozent Kakao. Dunkle Schokoladen gibt es auch mit verschiedenen Gewürzzutaten. Die Milchschokolade wird vom Milchgeschmack bestimmt und hat einen geringeren Kakaogehalt als dunkle Schokoladen. Sie gibt es in verschiedenen Geschmacksarten durch Zutaten von Nüssen, Karamell, Gebäck, Pfefferminz, Joghurt etc. Weiße Schokolade setzt sich aus Kakaobutter, Zucker und Milch zusammen; sie enthält keine Kakaomasse. Für sie gelten dieselben Qualitätskriterien wie für alle anderen Schokoladen: Sie sollen nicht kleben, gut schmelzen, nicht übermäßig süß sein und sich gut „mit hörbarem Knack“ brechen lassen. Auch weiße Schokoladen werden durch Zutaten geschmacklich variiert (Vanille, Safran, Kokos, Crisp etc.). Edelsüße Schokoladen haben einen sehr geringen Kakaoanteil von mindestens 15 Prozent.
Schokolade ist gesund – zumindest die bittere Variante. Wie italienische und britische Forscher beobachtet haben, steigt nach dem Genuss von dunkler Schokolade der Gehalt so genannter Antioxidantien im Blutplasma. Diese Stoffe schützen das Herzkreislaufsystem. Schokolade ist auch „Nervennahrung“ und macht glücklich. Die darin enthaltenen Stoffe wirken positiv gegen Stress, sind stärkend und stimulierend zugleich.

Faszinierende Geschmackserlebnisse

Voraussetzung für gelungene Wein-Schoko-Kombinationen ist eine ausgezeichnete Wein- und Schokoladenqualität. So wie beim Wein spielen auch bei der Schokolade Herkunft, Sorte, Boden und Zusammenstellung der Mischungen eine große Rolle. Die Qualität beider wird letztlich vom „Terroir“ geprägt.
Längst nicht jede Schokoladensorte harmoniert mit jedem Wein. Zum Wein passen jedoch mehr Schokoladen als allgemein vermutet wird. Nur die richtige Kombination verspricht einen ganz besonderen Genuss. Weder Schokolade noch Wein dürfen sich in ihrer Kombination geschmacklich überlagern, beide Geschmacksprofile müssen zur Geltung kommen. Was sich bei diesen beiden Genussmitteln anzieht, sind die Kontraste und die Parallelen der Aromen. Das Fruchtbukett eines Rotweins findet in der feinen Herbe einer Schokolade einen geschmacklichen Gegenspieler. Darüber hinaus wirkt die Feingliedrigkeit der Aromen – sowohl im Wein als auch in der Schokolade – wie eine Brücke und sorgt für eine Balance im Geschmackserleben. Passend kombiniert erzeugen die beiden Aromenspektren durch ihr reizvolles Wechselspiel einen Hochgenuss.
Die Grundregel „Auf die Süße kommt es an“ muss beachtet werden. Die Süße im Wein und die Süße der Schokolade müssen miteinander harmonieren – der Eindruck von Süße muss bei beiden Partnern gleich stark ausgeprägt sein. Das bedeutet: Je höher der Anteil an Kakao in der Schokolade, desto trockener kann der Wein sein. Rotwein passt dann in der Regel besser als Weißwein. Aber auch Weißweine vertragen sich sehr gut mit Schokolade. Vollmilchschokolade kann mit einem edelsüßen Dessertwein zum kulinarischen Highlight werden, denn mit ihr harmoniert ein Weißwein mit deutlicher Süße und ausgeprägtem Aroma. Solche Weine begleiten auch perfekt Schokoladen mit Nüssen und Trauben. Edelsüße Weißweine verbinden sich oft ideal mit aromatisierten Schokoladen, da die Fruchtaromen der Schokolade die des Weines betonen. Gleichzeitig verhindern die feinen Bitterstoffe der Schokolade Dominanz und Mächtigkeit, die edelsüßen Weinen eigen sind. Dagegen benötigt eine zartbittere Schokolade einen Wein mit weniger Süße.
Besonderes spannend ist die Kombination von trockenen Rotweinen mit dunkler Edelbitterschokolade, die einen hohen Kakao-Anteil hat. Je höher der Kakaogehalt, umso kraftvoller darf der Rotwein sein, der allerdings nicht zu viele Gerbstoffe enthalten sollte, da er sonst zusammen mit dem herben Charakter der Schokolade zu bitter schmecken würde. Bei Rotweinen mit würzigem Aroma, das im Idealfall noch zusätzlich an Kakao erinnert, kann sich im Zusammenspiel ein wahres Geschmacksfeuerwerk entzünden. Wein und Schokolade haben in Deutschland erst seit wenigen Jahren, in Frankreich dagegen schon lange ein inniges Verhältnis. Dort trinkt man einen gereiften, roten Wein zu einem wenig süßen Schokoladendessert. In England gehören Schokolade und Portwein fast untrennbar zusammen, im Süden Italiens genießt man schon seit langem Schokolade mit einem feinen Likörwein.
Noch vor ein paar Jahren galt in Deutschland eine Liaison zwischen Wein und Schokolade als unmöglich. Ein gemeinsamer Genuss der beiden Köstlichkeiten war seither eher die Ausnahme, nun scheinen sie ein „Traumpaar“ zu sein. Die Behauptung „Wein und Schokolade vertragen sich nicht“ sollte endgültig ad acta gelegt werden. Diese Aussage mag ursprünglich damit zusammenhängen, dass in Deutschland Milchschokolade stets viel beliebter war als Bitterschokolade. Diese wiederum hat in den südlichen Ländern mehr Erfolg und harmoniert besser mit deren Rotweinen.
Die Argumente gegen die Kombination von Schokolade und Wein bröckeln jedoch sehr schnell, sobald ein Schluck passend ausgesuchten Weines mit einem Stückchen zart schmelzender Schokolade im Mund keck über die Zunge flaniert. Nach einem Schluck Wein nie zu große Schokoladenbrocken in den Mund nehmen. Kleine Bröckchen oder zarte Blättchen zergehen mit jedem Schluck passenden Weines wie Balsam auf der Zunge! Unsere Degustation „Wein und Schokolade” wurde zu einer Entdeckungsreise! Einiges ging geschmacklich nicht zusammen. Dazu merkte ein Juror als Rat für Weinliebhaber deutlich an: „Trinke deinen Wein und esse die Schokolade hinterher oder vorher.“ Wir entdeckten aber auch die innige Vereinigung von lebendigen Säuren und geschmeidigen Tanninen mit dem Schmelz charaktervoller Schokoladen, die sich teilweise „himmelsstürmerisch am Gaumen” zeigten. Einigen „Traumpaaren von Wein und Schokolade” kamen wir erfolgreich auf die Spur. Hier zeigte sich dann ein „Eldorado glückhafter Liaisons”. Zu unserer Entdeckungsreise laden wir nicht nur „vinophile Chocoholics” ein. Jedefrau und jedermann, die gerne genussvolle Entdeckungen machen wollen, sind herzlich willkommen. Die Vielfalt von Weinen und Schokoladen garantiert immer wieder interessante, abwechslungsreiche und nie langweilig werdende Geschmacks- und Genusserlebnisse. •
Text: Klaus W. Grundstein
Fotos: Offenberg Grafik, Mainz